Schulmeisterschaften in Prenzlau

FSV Prenzlau

Annas erster richtiger Wettkampf. Ihre Schule lief mit blauen T-Shirts auf, aber Anna besaß ein richtiges Trikot, ein Geschenk ihrer Mutter für diesen Tag, für diesen Wettbewerb, diese 1500 m, ihre Mutter, der sonst so viel egal war, Athletik anscheinend nicht, sie saß sogar im Publikum.

“Ditt jeht aber nich, die Farbe.” Einer mit Trillerpfeife. Sein Mundgeruch in Annas Ohr. Der Start verzögert sich wegen Anna. “Deine Schule hat blau, warum hast du rot? Wo sind wir hier? So geht das nicht. Wo ist dein Lehrer?”

Anna: “Ist egal, was ich an hab, ich gewinne sowieso.”

“Was hast du gesagt?”

Er bringt Anna ein blaues T-Shirt. Bleibt bei ihr, bis sie es sich übergezogen hat. Er will ihr die Startnummer an den Rücken heften. Sie nimmt ihm die Nummer aus der Hand. Mundgeruch, obwohl er nicht spricht. Die Nummer ist 117. Das blaue T-Shirt würde einem Kugelstoßer passen. An Anna wie ein Kleid.

Einige hundert Zuschauer. Väter, Mütter, Lehrer. Die sachliche Diskussion über die Qualität von Wurstwaren riecht nach Bratfett in der Halle. Statt Startschuss, knallt eine prominente Diskuswerferin sich mit einer Schiefertafel gegen den Oberschenkel. Das Mädchen neben Anna fängt an zu heulen und flüchtet nach vorn. Anna lässt sie und die anderen ziehen. Eine trabt vor ihr wie ein kleines Pferd. Anna überholt sie mit Verachtung. Das T-Shirt nervt. Es zwängt ihre Schritte ein und juckt.

Beim ersten Überqueren der Ziellinie sieht Anna zu Mutter hinauf. Mutter, regungslos.

Die Zuschauer reden, essen Eierkuchen auf ihrem Schoß, behaarte Unterarme in kurzärmligen Hemden. Es ist Sonntag, manche sind auf ihrem Sitz nach vorn gerutscht, liegen fast, die Augen geschlossen. Kaum einer guckt zu. Anna achtet nicht auf die Bahn und die anderen Läuferinnen. Sie sucht nach Zuschauern, die zuschauen. Sie wird langsamer, läuft näher an den Rängen, um die Leute besser zu erkennen. Einige lesen. Einige wandern gähnend und fressend umher.

Ja, und jetzt schreit Anna. Anna schreit. Sie schreit, ihr ganzer Körper spannt sich an, sie schreit. Es hallt schrill durch den feinen Plastik- und Wurstgeruch der kleinen Turnhalle. Anna ordnet sich an sechster Stelle wieder ein hinter einem zierlichen Mädchen, dessen kurze Schritte ihr zu schnell wie in lustigen schwarz-weiß Filmen vorkommen. Sie weiß, die Leute sehen jetzt zu. Sehen ihr zu. Wie sie die Zierliche überholt, dann die nächsten drei, und bald auch die Führende. Jedes Mal wenn sie auf der Höhe von einer Konkurrentin ist, schreit Anna. Es sind diese scharfen Mädchenschreie, wenn der Ton in der Höhe fast wegbricht. Aus nächster Nähe tut dir so ein Schrei in den Zähnen weh. Das Rumoren in der Halle ist Aufmerksamkeit gewichen. Wie wenn jemand ein wirklich schönes Lied zu einem wirklich passenden Anlass singt.

Nackte Kinderfüße klatschen auf der Bahn.

Anna hört das Keuchen ihrer Verfolgerin. Lässt sie näher kommen. Schulter an Schulter sind sie auf der Zielgerade. Es ist die Erschrockene vom Start. Sie heult immer noch. Einige Zuschauer beginnen zu klatschen. Mutter, glaubt Anna, wird eine von ihnen sein. Mutter hat Anna vor dem Start gesagt, es reicht nicht, einfach zu gewinnen. Die anderen müssen wissen wollen, wie sie das gemacht hart und dürfen die Niederlage niemals vergessen.

Anna lässt sich von der mit dem Heulkrampf überholen.

Vielleicht genau jetzt wird Anna vom Kind zur Frau.

Vielleicht genau jetzt, indem sie ihren Körper liebt, für das, was sie weiß, dass der leisten kann. Siebzig Meter, fünfzig Meter vor dem Ziel zieht sie den Sprint an. Mutter steht vielleicht auf und feuert sie an, da sind Rufe und Stimmen durcheinander und jetzt noch mehr Applaus, und Anna schreit noch mal, diesmal aus Freude, ein Siegesschrei, der ihre Konkurrentin keinen Meter länger an sich glauben lässt.

Anna passiert sie lachend.

Die Leute klatschen verstört.

Die anderen Mädchen sammeln sich abseits, sie trauen sich nicht, erschöpft zu sein neben Anna. Schüchterne Welpen suchen verstohlen Wärme und Nähe beieinander.

Der Mundgeruchmann wirft Anna ein Handtuch zu.

Anna braucht kein Handtuch und auch sein anerkennendes Nicken nicht.

Anna sucht Mutters Blick. Mutters Blick ist nicht auf Mutters Platz. Mutter ist pissen gegangen.

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