Eine Fuge von Bach im Mai

Frau Kranž in der Rapsblüte des Mai in ihrem Garten virtuos beim Yoga, unter Vogelgezwitscher, mit Johann Sebastian, das ganze Programm, bis die Reifen quietschen, bis zum Knall.

Unwillig erhebt gelenkig sich Frau Kranž aus dem rigorosen Schneidersitz, um nachzusehen, – und jawoll, das ist Michael Meerfeld, genannt Meerrettich-Micha, fällt er aus seinem derangierten Opel, der qualmt und zischt, die Leitplanke sich schmiegt um die Wagenfront, und der Micha weint gegen das Dach von seinem grünen Blitz und fasst sich in den schmerzenden Nacken und zündet sich eine an und qualmt ebenfalls und flucht und, ja, was jetzt?

Ob er in Ordnung sei: Frau Kranz aus dem Garten.

Ja, verfickte Scheiße, geht, geht schon, aber der Max, er gloobe, der Max hat die Leitplanke jefressen.

Und das wäre auf jeden Fall ehrlich eher schade, weil Max ist, egal wie man es nimmt oder wen du fragst, vornehmlich in Ordnung gewesen, als Kind, teilweise auch als Jugendlicher in der Zeit „Als-Noch-Hoffnung-Bestand“ und auch heute: Viel weniger Klagen als etwa über Micha.

So ist das nun mal, murmelt Frau Kranž, der eine so, der andere so, und sie schickt den Namen der Gottesmutter hinterher, schlägt das Kreuz über das Sportsfunktions-T-shirt, und wie sie das tut ist die Bach-Fuge zu Ende, sind die Vögel still, nur noch das Muhen der Kühe vom Schlachthofgelände ist zu hören, auf dem die Abfertigungshallen in der Sonne ziemlich glänzen, aluminiumgrell, ist aber auszuhalten.

Und in der Elegie der totgeweihten Kühe quietscht die Beifahrertür, und der Totgeglaubte, der Max, der Maxi, der Maximilian, stürzt maximal kaputt auf den Asphalt, filmisch, Blut an den Gliedern, Held aus zukünftigen Liedern unten am See, wenn sie wieder saufen und raufen, Kopf und Klamotten rot und falsch an so einem wunden Körper, Max, Max schreiend, auch die Schreie klingen blutig rau, Max kriechend, fürs Nähen und den Gips bereit – ruft Max über das Wrack zu Meerrettich-Micha, der sein Glück mit Händen am Kopf nicht fassen kann:

„Ich verrat dir ein Geheimnis, hier kommt’s, passt du auf? Du bist ein blödes, blödes Arschloch“, ruft er zu Micha, und die beiden stehen so ein bisschen da, also der eine, der eine steht, der andere wird wochenlang nicht stehen können, mein Gott, was für ein herrlicher Tag mit Herrn Bach aus dem Plattenspieler, mit Kuhgesang aus dem Schlachthof, was für eine unfassbar schöne Pflanze dieser Raps doch ist, und auch Frau Kranž ist schon auf der Straße, hat den beiden Hollundersaft gebracht, und so sitzen sie da, ein Stündchen, trinken, quatschen, warten auf den Krankenwagen und alles Weitere, was im Leben noch kommen wird.

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