Der Glöckner, das Carillon, die Spende

In einer frühen Textfassung kam dem Glöckner eine größere Rolle zu. Unter anderem gab es Ausflüge in seine Biografie, hier zu einem Ereignis, das ihm Schaden zugefügt hat, aber dem Dorf die Läutautomatik beschert


Der letzte in Fürstenfelde ansässige Zahnarzt, Dr. Martin Wennecke, saß am 20. September 1992 beim letzten Carillon-Konzert von Fürstenfelde in der ersten Reihe neben seiner Gattin und hatte noch vier Stunden zu leben. Der Glöckner spielte Bach, die Kirche war proppenvoll, auch am Vorplatz unter der Eiche wurde bestuhlt, überhaupt war dieses Annenfest sehr voll, die Wessis kamen in Scharen vorbei auf der Suche nach Immobilien, mit denen sie etwas oder nichts anstellen wollten.

Dr. Martin Wennecke starb kurz nach Mitternacht mit Zahnseide um den Daumen, und das ist so ein Tod, dass du jetzt sagst, der klingt ausgedacht: Ein Zahnarzt stirbt, während er mit Zahnseide zwischen der eins-zwei und der eins-drei sägt. Es war aber jetzt nicht so, dass Zahnfleischbluten die Todesursache war, die Todesursache war vermutlich Herzversagen, genau hat man das aber gar nicht wissen wollen, Herr Wennecke war ein alter Mann.

Zur gleichen Zeit wurde das Carillon derart beschädigt, dass wir ein anderes Verb brauchen, um dem Ausmaß des Schadens gerecht zu werden, vielleicht ebenfalls Herzversagen, bzw. Herzvernichtung. Die Klaviatur, das Herz eines jeden Carillons, wurde vollends demoliert, sechszehn Glocken wurden gestohlen.

Seitdem haben wir jedenfalls kein Carillon mehr und auch keinen Zahnarzt und als Zahnschmerz musst du bis Mittwoch warten, weil mittwochs kommt Dr. Krenn aus Prenzlau, und der ist gar nicht mal so schlecht, weil zum Beispiel Hypnose, der ist nur so selten.

Dr. Wennecke hinterließ trotz Sozialismus ein beachtliches Vermögen und keine Kinder, weil er ein sehr reinlicher Mann war und Kinder, aufgrund ihres Wohlwollens dem Dreck gegenüber, gemieden hat. Seine Witwe erbte das Vermögen und verkündete alsbald, einen Teil spenden zu wollen, und dieser sollte Fürstenfelde zugute kommen, wo sie mit ihrem Mann ihr ganzes Leben verbracht hatte. Manchmal führen Schuldgefühl und Dankbarkeit zum gleichen Ergebnis.

Unzählige meldeten sich als mögliche Empfänger: Einzelpersonen, Vereine, funktionierende und nicht mehr funktionierende, aber noch hoffende Betriebe, die Kirche, das Seniorenheim, der Fernradweg, die Seepromenade. Gute Chancen rechnete sich das Haus der Heimat in Person der ehrgeizigen Frau Schwermuth, die gerade eingestellt wurde und der Witwe Wennecke ihre Idee von einem Dorfarchiv erläuterte. Ganz Fürstenfelde schien Geld jedenfalls gut gebrauchen zu können, im Grunde die ganze Uckermark, und das wird auch niemals anders sein, eine Anfrage kam aus Ulm.

Es entbrannte, wie immer, wenn es Geld umsonst gibt, ein harter Wettbewerb. Jeder wollte beweisen, dass es ihm und seinem Anliegen am schlechtesten ging und dass man aber zugleich am wichtigsten war mitsamt Anliegen.

Der Glöckner meldete sich als einer der letzten bei der Witwe. Er bat um eine Spende für die Wiederinstandsetzung des Carillons, dem, nach der Kirche, in der es seit der doppelt tragischen Nacht destruiert stehe, wichtigsten Kulturobjekt von Fürstenfelde.

Die Witwe Wennecke wusste, wie sehr ihr Mann das Carillon gemocht hatte, anders als Kinder. Sie war eine selbstlose, aber auch eine abergläubische Frau. Wäre ihr Mann nicht zum Konzert gegangen, lebte er vielleicht noch. Sie dachte über die Worte des Glöckners nach und beschloss, die Spende für das wichtigste Kulturobjekt von Fürstenfelde aufzuwenden: die Kirche. Damit der Glöckner dennoch etwas davon hätte, bestimmte sie, dass ein Teil in eine elektronische Läutanlage fließen solle. Dies, wohlgemerkt, trotz entschiedenen Widerstands seitens des Glöckners und im Grunde auch seitens der Gemeinde; im Glöckner und seinem Ehrenamt besaß das Dorf eine charmante touristische Attraktion, die – im Unterschied zu einer Läutautomatik – niemals gewartet werden musste.

Der Glöckner sprach abermals bei der Witwe vor. Er bedankte sich, sagte, das Geld sei in der Kirche natürlich bestens aufgehoben, aber das Läuten besorge er weiterhin am liebsten selbst, sie solle doch bitte das Carillon retten. Die Witwe lobte des Glöckners Bescheidenheit, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und änderte ihren Willen nicht.

Pfarrer Pfennig nahm die Spende nach anfänglichem Zögern an. Man hatte das Geld, weiß Gott, nötig. Rasch wurde der Förderverein „Baudenkmal Kirche in Fürstenfelde e.V.“ gegründet. Bald wurden das Dach und die Glockenstube saniert, aber auch kleinere Helferlein wie eine Mottenfalle und ein größerer Besen angeschafft.

Am Tag, da die Läutautomatik eingerichtet werden sollte, läutete der Glöckner ununterbrochen. Die Elektriker drohten irgendwann mit roher Gewalt, falls er nicht aufhörte.

Wir konnten seine Verbitterung verstehen. Mit dem Glockenspiel beherrschte er etwas Unzeitgemäßes und mit dem Carillonspiel noch dazu etwas höchst Seltenes. Der Glöckner war weder gewöhnlicher Handwerker, noch gewöhnlicher Musiker. Das Carillon wurde nicht gerettet und das Zahnarzt-Erbe wurde für die sinnlose Läutautomatik verschwendet, eine Vorrichtung, die seine Talente, ja seine Berufung, nichtig machte. Also weigerte er sich, sie zu benutzen. Ein einziges Mal ist sie überhaupt gelaufen – als die Elektriker getestet haben, ob sie läuft.

„Läutautomatik ist wie eine Mikrowelle“, hat der Glöckner einmal Johann erklärt, „sie macht, was sie soll, aber der Geschmack – der Klang – hat keine gute Wärme. Entweder, du verbrennst dir die Zunge, oder das Ergebnis ist schal. Selbst machen schmeckt doch am besten.“

Wir meinen, nicht alles an Mikrowellen ist schlecht, zum Beispiel siehe gerade unsere Senioren. Aber gut. Wir verstehen die Trauer des Glöckners. Das Läuten und das Carillon und seine Familie – im Großen und Ganzen war das sein Leben. Zuerst wurde das Instrument zerstört, dann starb die Frau, dann wollte man ihn durch Strom ersetzen.

Vor fünfundzwanzig Jahren hätte er Johann das Carillonspiel beibringen können. Der Glöckner denkt manchmal an die Täter. Gar nicht mal, wer sie waren, sondern warum sie es getan haben, alles in Grund und Boden vernichtet, die Seilzüge zerrissen, die Klaviatur demoliert, fünfzehn Glocken abmontiert und mitgenommen, dabei waren das einfach Stahlglocken, wem konnte man die verkaufen? Und niemand im Dorf bekommt es mit. Ja, kann man so ein herrliches, harmloses Instrument hassen?

Man kann alles hassen.

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