Besuch der Partnervermittlung – erste Version

In der ersten Version von diesem Kapitel war es nicht Herr Schramm, der einen Besuch der Vermittlerin bekommt, sondern der Fährmann. Auch der Dialog war wesentlich kürzer und einige Pointen auf den Beruf zugeschnitten. Hatte völlig vergessen, dass es die Überlegung überhaupt gegeben hatte…
Unser Fährmann hatte keine Kinder, keine Familie, unser Fährmann hatte keine Angst vor dem Tod, kurz vor dem Tosten wollte unser Fährmann es noch mal mit der Liebe versuchen. Die Partnervermittlung mit Sitz in Berlin, weil alles Vermittelnde in Berlin sitzt, schickte Frau Mahlke nach Fürstenfelde. Frau Mahlke hatte um ihr Übergewicht einen lockeren Seidenschal geworfen in goldgelb und blasslila und ihren 55 Jahren eine recht enge Hose angezogen, weiß, weil eine Frühlingsmöglichkeit schon hell in der Morgenluft Pankows gelegen hatte, bevor sie losfuhr, rausfuhr aufs Land, und spätestens als der Fährmann zu Mittag seinen berühmten Satz aussprach „Hummeln“ war es dann auch so weit mit der Jahreszeit, der Fährmann ist ein pünktlicher Mann.
Für Frau Mahlke gab es eine Tour mit seinem ältesten Kahn, das romantisch knarzt. Es ging zu den Inseln, lass uns hinauf spazieren Elisabeth, wir ziehen uns die Stiefel der Vergangenheit an, und ich zeig dir die toten Gehöfte.
Frau Mahlke fragte den Fährmann, ob Schnaken in der Gegend ein Problem seien, und der Fährmann sagte: „Nach Finnland wollte ich immer schon mal, da gibt es ja Seen, so was hat unsereiner nicht gesehen, finden Sie mir eine Frau, die mit mir nach Finnland will.“
Frau Mahkle und der Fährmann saßen vor dem Fährhaus in der guten Sonne und Frau Mahlke trug Sonnenbrille im Haar trotz der guten Sonne, der Fährmann servierte Kaffee und Keks, der Fährmann beantwortete den Fragebogen. Die Fragen waren durcheinander, das fand der Fährmann psychologisch richtig, mal eine über ihn, dann zwei über seine Wunsch- und Traumvorstellung, wie sie denn optimaler Weise sein sollte, seine potentielle Zukünftige.
Fragen zum Aussehen waren schnell erledigt: gern dunkelhaarig, ja schon kleiner, aber auch nicht zu klein, ja, gegen Schminke habe er rein gar nichts, ja, gepflegt sollte sie schon sein, aber nicht übergepflegt, dazu habe er ja das Fernsehen. Was folgte war dies:
Frau Mahlke: Sollte die Herzdame häuslich sein?
Der Fährmann: Ich bin ein Fährmann.
Frau Mahlke: Was meinen Sie damit?
Der Fährmann: Ich kann das schlecht verbinden, meinen Beruf und Häuslichkeit. Das Fährhaus ist mein Haus. Jederzeit kann einer kommen, der rüber will.
Frau Mahlke: Gut, soll die Frau auch arbeitstätig sein?
Der Fährmann: Das kann ich doch von hier aus nicht entscheiden. Wenn Sie zufrieden ist mit ihrer Arbeit, dann vielleicht höchstens keine Astronautin.
Körperliche Nähe erwünscht?
– Ja, also, was ist da jetzt genau gemeint?
Wir sind beide über 18, Herr Fährmann …
– Achso ja, achso. Naja, wenn sich das ergibt, wenn also die Sympathie da ist.
Trinken sie Alkohol?
– Ich trinke, Alkohol, ja.
Trinken sie mehr als zwei Gläser am Tag?
– Zwei Gläser von was?
Ja, ich hatte neulich einen Herrn, der war also, der hatte gern getrunken.
– Ich trinke auch gern.
Ja, also, weil es schmeckt?
– Weil es schmeckt, ja.
Soll sie auch trinken?
– Mit mir schon.
Das ist ja auch schön.
– Ja.
Wie sieht es mit Haushaltsarbeit aus.
– Das kann ich ja selbst. Das mach ich ja seit Jahren allein.
Glaub ich Ihnen gern. Aber, es geht also um ihre Erwartung; was erwarten sie von einer Frau und was kann sie in dieser Sache von Ihnen erwarten?
– Gibt es da so was wie eine, ich weiß nicht, eine Skala?
Skala?
– Ja, zum Beispiel ich bügle überhaupt nicht gern, habe aber gegen Abwasch prinzipiell nichts?
Ach, ja, naja, also nein. Wir können ja sagen, Arbeitsteilung im Haushalt erwünscht?
– Teilung? Gut, ja, das klingt gut. ja.
Ausländerin?
– Nein.
Also Deutsche?
– Ja, außer Bayern, das ist mir zu anstrengend im Alter.
Aus der Gegend? Prenzlau, Nordwestuckermark?
– Muss nicht sein. Ich zeig ihr eh alles. Sollte nur keine Angst vor Wasser haben.
Ich bügel ja auch ungern
– Ja.
Wie sieht es mit Kindern aus, soll sie Kinder haben?
– Wenn sie aus dem Haus sind, macht mir das nüscht.
Führerschein?
– Wer, ich?
Nein, sie.
– Ja, ohne geht hier doch nicht.
Nachdem der Vertrag unterschrieben ist und die Vermittlerin wieder weggefahren ist, setzt sich der Fährmann ins Boot und paddelt auf den Großen See. Eine Kante, der Typ, das Gesicht wie ein Stiefel fest und ledrig und narbig, akut weißes Haar, das keine Gefangenen macht, er raucht, er hat viel geraucht an dem Tag, er wundert sich nicht, dass die Vermittlerin keine Fragen zum Rauchen gestellt hat.

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