18Boy1_2Die Männer weinen beim Abendbrot. Würden wir die Gründe für die Tränen aufzählen, wer würde sie gern lesen? Schrieben wir auf, warum sie weinen und warum andere vor ihnen geweint haben, schrieben wir alles Weinen von allen Männern auf, die hier jemals geweint hatten und machten wir daraus ein Buch, eine Enzyklopädie des männlichen Weinens im Städtchen Fürstenfelde, wer würde es lesen wollen? Wer, außer jenen, die in den Geschichten vorkommen? Weil sie darin die Weinenden sind, oder weil wegen ihnen geweint wird. Söhne, Partner, Mitarbeiter, Freunde, Mütter. Dem, das man wieder erkennt, vertraut man.

Aber wer von außerhalb? Wie viele Unbeteiligte? Einige Forscher, vielleicht? Ein Ethnologe für seine Doktorarbeit über Trauerverarbeitung in der Nordwestuckermark? Ist die Trauer ein Forschungsgebiet der Ethnologie? Falls nicht, sie sollte es sein.

Oder ein pennsylvanischer Pensionär vielleicht, der nach seinen Ahnen fahndet und Spuren aufspürt und fragt, wo er Rosen kaufen könne, um sie auf den Grab seiner Ur-ur-urgroßtante zu legen, und die Antwort bekommt, nirgendwo, nen Blumenladen gibt es hier seit der Wende nicht, aber ich geb Ihnen aus dem Garten welche mit? Der ein Pferd streichelt, in der Metzgerei zu Mittag einen Wurstsalat isst (2,90 EUR) und vor sechs wieder abreist, um in Berlin den Mietwagen noch rechtzeitig abzugeben. Und es ist Spätsommer, er habe gehört, dass es bei uns im Spätsommer am schönsten ist.

Überall ist es im Spätsommer am schönsten, verdammte Hacke.

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