Anna und das Spiel

In früheren Fassungen des Buchs hatte Anna weitaus mehr Text und Vergangenheit. Die folgende Episode spielt sich auf dem Hof ihrer Mutter ab, Anna ist siebenjährig und macht einen interessanten Fund. Annas Familie spielt für den Roman keine Rolle mehr, auch der Großvater, der im Folgenden skizziert wird, ist fast vollständig gestrichen worden. Der ganze Kosmos ihrer Kindheit war für mich dramaturgisch unergiebig, aber diese kleine Szene mag ich sehr gern.

Als Anna Großvaters Leiche in der Diele entdeckte war sie sieben, Susanna siebzehn und Mutter trug ein blaues Kleid und setzte Kaffee auf. Mutter hatte die Haustür aufgeschlossen, unbestimmt Hallo gerufen und war in der Küche verschwunden. Susanne war im Hof geblieben, zwei Schaukeln gab es für die Mädchen links und rechts an einer Platane, und Susanne war in einem Alter und in einer Stimmung fürs Schaukeln mit elegischem Schwung.

Anna stürmte in die Diele, es war Sonntag, und Großvater würde auf Kaffee und Kuchen mit Tochter und Enkelinnen warten und an seinem Arbeitstisch aus Kirschholz schlechte Sitzhaltung haben. Er würde mit Federzange oder Feile oder Pinsel ein Stäbchen oder ein Figürchen oder ein Steinchen ins Licht halten oder abschleifen oder anmalen. Großvater war Spiele-Erfinder und schmeckte nach Kleber süß. Der Kleber trocknete auf seinen Fingerspitzen und wurde zu einer zweiten, spröden Haut, von der Anna kleine Stücke mit Nägeln zupfte als pickte und fraß ein Vogel. Das Spiel, welches Großvater heute reglos auf dem Boden zwischen Couch und Tisch für Anna erfand, das war der Tod.

Das Mädchen begriff den Körper sofort als Spielfigur einer Leiche. Vielleicht kannte sie Tote aus dem Fernsehen oder aus Geschichten, die ihr Susanne heimlich vorlas, eine Verwechslung mit Schlaf schien jedenfalls nicht statt zu finden. Zwar rief sie leise „Opi“ und bohrte mit dem Zeigefinger in seine Schulter, aber dieses „Opi“ klang nicht nach Weckruf, sondern nach einer Feststellung, und in der Berührung lag Beiläufigkeit von Ärztinnen.

Was machte man aber mit einer Leiche? Sie war eine Spielfigur, aber Anna kannte die Spielregeln nicht. Das Spiel gewinnt, derjenige Spieler, der –

Anna setzte sich neben Großvaters Kopf. Trägt ein Toter die gleichen Kleider wie ein Lebender? Ja. Seine Lippe so blass, wie fühlt die sich an? So. Anna streichelte über die Wangen de Toten. Sie riss sein Auge auf und sah aus großer Nähe hinein. Sie legte das Ohr auf seinen Adamsapfel, horchte, ob dort noch Sprache wohnte oder zumindest das Schlucken hüpfte. Großvater war nicht mehr kitzlig. Anna schob langsam ihren Zeigefinger in Großvaters Mund. Die Zähne waren trocken.

Und jetzt? Mutter würde jederzeit mit den Getränken und Kuchen in die Diele kommen, und das Spiel wäre aus. Fein mischte sich schon Kaffeegeruch unter die Süße des Klebers, da griff Anna nach den Händen ihres Großvaters und erhob sich. Die Arme wogen schwer, die Anstrengung war dem Mädchen anzusehen. Es grub die Nase in die raue Handfläche, strich mit dem Daumen über den Daumen des Toten. Sie seufzte wie man es wohl vor harter Arbeit tat, die eben getan werden musste. Und dann zog Anna. Anna zog an ihrem Großvater, sie zog an Großvaters Armen, sie stöhnte leise, sie wollte den Großvater mitnehmen, sie kaute Kaugummi. In der Schaukel ließ Susanne die Füße baumeln. Die Schaukel pendelte kraftlos mit.

In der Küche stellte Mutter die Zuckerdose auf das Tablett. Drei Kaffeetassen und für Anna ein Glas Hollundersaft. Das blaue Kleid machte Mutter schneller. Mutters große Brüste.

In der Diele zog Anna am Großvater. Auch Anna trug blau, blaue Schleifen im Haar, blaue Schuhe, nur die Strümpfe weiß. Der Körper bewegte sich keinen Zentimeter. Großvater klebte mit seinem ewigen Kleber an seinem Haus fest. Das Haus hatte sein ganzes Leben mit diesem Mann verbracht und ließ ihn jetzt nicht einfach so los. Von den Regalen sahen Großvaters Zinnsoldaten und Großvaters Würfel zu.

Susanne stieß sich zaghaft ab. Mutter schaltete das Radio ein. Der Wochenanfang bleibt mild. Anna stemmte einen Fuß gegen das Sofa und verlor beinahe das Gleichgewicht. Sie fand auf dem Holzboden kaum Halt, rutschte weg, keuchte. Sie pustete eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie hing in den Großvater eingespannt wie ein kleines Pferd.

Mutter schnitt vier Stücke Apfelkuchen ab. Mutter summte mit. Stell dir vor, irgendwo gibt es einen Planeten auf dem intelligente Wesen leben. Sie sehen vielleicht genauso aus wie wir.

Und auf diesem Planeten gibt es Bibliotheken,

voll mit Büchern geschrieben von Dichtern Philosophen und Wissenschaftlern.

Und vielleicht wenn auf der Welt der Hass und die Gier so groß werden,

dass nichts, aber auch nichts mehr sie retten kann,

dann vielleicht gibt es dort auch ein Buch,

das heißt „Der Untergang der Erde“.

Annas Lieblingsspiel war „Das Feld“. Großvater hatte Monate daran gebastelt, und seit es fertig war spielten sie kaum etwas Anderes, sogar Susanne schien es zu gefallen. Die Spieler machen sich auf die Suche nach vier Schätzen, die auf einem verwunschenen Feld vergraben sind. Das Feld lebt, schützt seinen Schatz. Dichtes Gestrüpp trägt Dornen scharf und lang wie Dolche, im Sumpf lauern Treibsand und ein mäßig gelauntes Krokodil, hungrig schlingen Pflanzenranken sich um die Waden der Abenteurer. Und wenn das nicht genug wäre, ist da noch der fiese Schatzjäger, Mackie der Fresser, der die Bemühungen der Spieler skrupellos sabotiert, um vor ihnen an die Reichtümer zu gelangen.

Es dämmert, wenn das Spiel beginnt und es wird dunkler nach jedem Zug. Mit der Nacht senkt sich auch dichter Nebel auf das Feld und Großvater zündet die Kerzen an und schaltet die Lampen aus. Aus dem Nebel kriechen Geister hervor, genervte, traurige Kreaturen, im Scheitern der eigenen Suche nach dem Schatz gefangen, und nun seine ewigen, unerschrockenen Wächter.

Die Spieler haben zu Beginn je einen Charakter gewählt, und nur wenn sie zusammenarbeiten, haben sie eine Chance gegen das Feld. Den Soldaten gibt es und den Arzt und einige mehr, jeder mit einer besonderen Fähigkeit. Anna wollte immer nur Ingenieurin sein. Sie wollte Brücken bauen für die anderen und Leiter aufstellen, sie wollte Hindernisse überwinden.

Anna hatte Angst vor dem Spiel. Sie nahm daraus Bilder mit in den Schlaf, floh vor Mackie über Alptraumsümpfe, immer in seiner Sichtweite, immer zu langsam. Mutter und Großvater wussten, dass das Mädchen schlecht schlief. Aber sie unternahmen nichts, sagten nichts. Sie wollten, dass Anna mitspielte.

Alle vier Schätze fanden sie nie. Einmal stand Anna allein nur einen Würfelwurf vor dem letzten entfernt, dem goldenen Szepter, mit dem man das Böse auf dem Feld vertreiben können würde. Sie schloss die Augen, ließ den Würfel fallen – eine „1“. „1“ war die Zahl, die Geister zu sich rief.

Jetzt war der Großvater tot. Die Chance zu gewinnen ist zu dritt noch kleiner geworden.

Anna zog an ihrem Großvater. Anna zog mit ihrer ganzen Kraft, Zähne gepresst, fast verschluckte sie den Kaugummi. Mutter rief die Namen der Mädchen, der Kaffee war fertig. Für Anna gab es Hollundersaft. Susanne schaukelte lebhafter und starrte gedankenverloren auf das Feld. Sie gab sich keine Mühe, ihr Körper schaukelte, weil er auf einer Schaukel war. Ihre Jacke plusterte sich im Wind auf, das Thor Steiner Label wegen Mutter herausgeschnitten. Bienen schwirrten umher, weil Sommer war. Fliegen, Hitze, weil Sommer war. Entscheidungen, weil Sommer war. Weg von hier, weg nach der Schule, weil Sommer war.

Am Haus bewegte sich etwas, Susanne blinzelte als wache sie auf und sah hin. Auf die Veranda trat Anna, Annas blaues Kleidchen, Annas Zopf, an den Armen zog sie den Großvater hinter sich. Susanne lachte und stieß sich stärker ab. Sie schien jetzt Lust auf ihren Flug zu haben, ihre Schönheit war die einer kräftigen Frau, ihre Technik makellos.

In die Diele trug Mutter das Tablett.

Über das Gras und durch eine Lücke im Zaun schleifte Anna den Großvater auf das Feld.

Immer höher stieg Susanne, warf den Kopf in den Nacken, ihr Haar wirbelte ernst in alle Richtungen.

Mutter: „Wo seid ihr denn alle? Vater? Anna?“

Und wer da will, dass die Erde nie mehr weint, 

wer sich mit uns gegen Strahlentod vereint, 

der sorgt dafür, dass dieses Buch niemals erscheint. 

Denn die zehn Milliarden Augen woll’n die erde leben seh’n. 

Sie soll Heimat ohne Ängste sein, für die Liebe und Geborgenheit.

Da sah Anna zum Haus und ließ, konfus die Augen aufschlagend, die Arme des Toten los. Mutter stand auf der Veranda still wie etwas Winterliches im Sommer. Ihr blaues Kleid hatte alle Geschwindigkeit verloren und würde niemals wieder getragen werden. Niemals wieder würde Susanne so hoch fliegen. Niemals wieder Anna ein Spiel aufgeben.

Das Tablett in den zitternden Händen der Mutter, das Schwächerwerden der Glieder, dass Scheppern und Bersten der Tassen, das Sprühen der Kuchenstreusel und der Kaffeefleck, Tage noch zu sehen auf der Veranda.

Susanne horizontal in der Luft gen Sonne.

Großvater horizontal auf dem Feld.

Anna aufrecht, spuckt den Kaugummi aus.

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